Wie jeden Abend saß Boris mit seiner besten Freundin am Ufer und beobachtete die Strömung. Langsam trieben Blätter und Äste vorbei. Das Wasser rauschte durch die kleinen Zwischenräume und Pfade zwischen den Kieseln. Im Hintergrund konnte Boris die Geräusche des Waldes hören, die ihm so vertraut waren. Aber Boris konnte sich nicht entspannen. Wie jeden Abend war er rastlos, auch wenn er seine sechs Beine von sich streckte und sich zurücklehnte.
Neben ihm ging es Andi, seiner Freundin, genauso. Sie hüpfte auf und ab und auf und ab. Allerdings kannte er Andi gar nicht anders. Sie sagte immer, das liege daran, dass sie ein Spatz sei. Spatzen hüpfen immer und halten nie still. Auch heute hielt Andi nie an und sprang hin und her und plapperte dabei vor sich hin.
“Was denkst du dazu, Boris?”, fragte Andi gerade und sah ihn erwartungsvoll an. Er war ganz in Gedanken versunken und hatte gar nicht mitbekommen, was Andi ihm gerade erzählt hat.
“Du hast mir schon wieder nicht zugehört, oder?”, fragte seine Freundin nun belustigt. “Immer das selbe mit dir, mein kleiner sechsbeiniger Freund. Was geht dir denn heute durch den Kopf?”
Boris antwortete nur ein unbestimmtes “Hm.”
“Das klingt aber gar nicht gut, Boris. Ist alles in Ordnung?”
“Ach weißt du, Andi, ich frage mich einfach, was auf der anderen Seite des großen Stroms liegt. Ich sehe dort ganz am Horizont doch Bäume und Berge. Und in letzter Zeit kann ich von dort tagsüber sehr merkwürdige Geräusche hören.”
Er blickte hinüber zu Andi.
“Ich würde doch so gerne einmal auf die andere Seite schauen. Und bevor du mich wieder fragst: nein, du kannst mich nicht hinüberfliegen, weil ich doch Höhenangst habe.
Hey, was kicherst du denn da jetzt so? Ich meine das ernst, auch wenn die meisten Ameisen wohl kein Fernweh haben!”
Doch Andi konnte nicht aufhören zu kichern und hüpfte aufgeregt auf der Stelle.
“Mein lieber Boris. Hättest du mir eben mal zugehört.”
“Nun sag schon, was du erzählt hast, Andi. Hast du die Geräusche auch gehört und kannst mir sagen, was das war?”
Andi grinste nur, soweit ein Spatz grinsen konnte.
“Jetzt spann mich doch nicht so auf die Folter! Setz dich und erzähl es bitte nochmal.”
Andi blieb empört stehen. “Setzen? Hast du schon jemals einen Spatz sitzen sehen? Also ich jedenfalls nicht.”
Boris musste nun auch grinsen. “Ja, jetzt wo du es sagst, das habe ich erst letztens. Weißt du denn nicht mehr, als du über den Kiesel…”
“Ja, ich erinnere mich”, unterbrach ihn Andi, “aber da bin ich doch nur gestolpert und auf meinen Hintern gefallen.”
“Das sah schon sehr lustig aus”, kicherte Boris, “aber in Ordnung. Dann setz dich nicht hin, aber sag mir, was du weißt.”
Andi schaute ihn kurz an und sagte dann: “Vielleicht kannst du bald auf die andere Seite des Bachs. Da drüben waren in den letzten Tagen Menschen und haben Bäume gefällt. Dann haben sie die Bäume neben den Bach gelegt und zugesägt. Wie es aussieht, wollen sie eine Brücke bauen.”
Erwartungsvoll sah sie ihn wieder an.
“Das habe ich dir eben schon erzählt, was denkst du? Und übrigens ist dieser ‘große Strom’, wie ihr Ameisen ihn nennt, nur ein kleiner Bach hier in den Bergen. Wenn du mal mit mir fliegen würdest, dann könnten wir…”
“Versuch es gar nicht erst, mich zum Fliegen zu überreden”, jammerte Boris und hielt sich die Augen mit zwei seiner Füße zu. “Wir Ameisen sind nicht dafür gemacht zu fliegen.”
“In Ordnung, ich probiere es einfach in ein paar Tagen nochmal.”
Boris schaute unter seinen Füßen hervor. “Das ist nicht das, was ich damit meinte, Andi. Aber egal, vielleicht kann ich ja wirklich bald auf die andere Seite. Wenn die Menschen ihre Brücke fertig gebaut haben, dann sollte die doch auch eine Ameise wie mich aushalten, oder?”
Schon wieder in Gedanken fing Boris an, Pläne zu schmieden.
“Ich werde es gleich heute Maurice und den anderen erzählen. Dann stellen wir eine Expedition zusammen, eine richtige Forschungsreise. Und dann erweitern wir den Ameisenbau auf der anderen Seite, unserer ist schon lange zu eng für uns alle.”
“Ja, nun träume mal nicht vor die hin, Boris”, unterbrach Andi seine schnell aufeinanderfolgenden Gedanken und Sätze. “Erzähl es erstmal den anderen und schau, wie sie damit umgehen. Denk daran, nicht jede Ameise ist so mutig wie du.”
Und so machte sich Boris auf den Weg zurück zu seinem Ameisenbau, während Andi nach Hause flog.
Kaum zu Hause angekommen, suchte Boris schon nach seinem Bruder Maurice. Wie immer konnte er ihn nicht finden.
Wahrscheinlich arbeitete Maurice noch. Boris überkamen Gewissensbisse. Jedenfalls kurz. Er konnte die anderen Ameisen einfach nicht verstehen. Sie kannten nichts anderes, als den ganzen Tag zu arbeiten und zu schuften. Wenn sie dann abends nach Hause kamen, aßen sie schnell noch etwas und gingen dann ins Bett. So ging das jeden Tag ohne Pause. Boris hielt sich selbst nicht für faul, aber er hatte gelernt, dass ihm die besten Einfälle kamen, wenn er zwischen der Arbeit auch Pause machte oder den Abend entspannt am Ufer mit Andi verbrachte. Aber er wusste auch ganz genau, was Maurice dazu sagen würde. “Boris, du bist eine Ameise. Ameisen arbeiten. Ameisen haben keine wilden Ideen und Einfälle. Wozu soll so eine Pause also gut sein?”
Immer das gleiche Thema mit Maurice. Und mit den anderen Ameisen in seinem Bau auch. Deswegen hatte sich Boris auch mit Andi angefreundet. Andi war ein lieber Vogel, auch wenn sie so ein riesiger Spatz war, der jederzeit Ameisen essen konnte. Wenigstens verstand Andi ihn und seine “wilden Ideen” und unterstützte ihn, so gut es ging.
Nach einer Weile krabbelte dann schließlich Maurice in ihr Zimmer.
“Maurice, ich muss dir was erzählen!”, rief Boris sofort.
Während Maurice ein Stück Pilz teilte, den er zu essen für die beiden mitgebracht hatte, antwortete er: “Ich hoffe, es geht nicht um die Idee mit den Glühwürmchen, die du vorgestern hattest. Wir können die Glühwürmchen nicht einziehen lassen, um Licht bei uns zu haben.”
Boris schaut überrascht von seinem Pilz auf. “Nein, natürlich nicht. Ich wollte dir erzählen, dass ich auf die andere Seite des großen Stroms möchte.”
“Ach und wie willst du das anstellen?”
“Die Menschen bauen eine Brücke über den großen Strom. Hast du die Geräusche in den letzten Tagen nicht gehört? Auf der anderen Seite werden Bäume gefällt und bald können wir den Strom überqueren!”
Boris war ganz aufgeregt.
Skeptisch schaute Maurice ihn an. “Aha und woher weißt du, was auf der anderen Seite des Stroms so passiert?”
Boris schloss seinen Mund wieder. Er durfte Maurice nicht von Andi erzählen. Maurice mochte keine Vögel, auch wenn er Andi nicht kannte.
“Äh, also… Ich habe zwei Fliegen gehört, wie sie sich darüber unterhalten haben”, sagte er schnell. “Aber was sagst du dazu? Wir könnten den Bau erweitern und auf der anderen Seite gibt es bestimmt ganz viel Nahrung und Äste.”
Maurice wirkte gar nicht so beeindruckt und aufgeregt, wie Boris erwartet hatte.
“Weißt du, Boris, du bist für eine Ameise viel zu abenteuerlustig. Lass uns mal eine Nacht darüber schlafen und morgen wieder reden.”
Und so legte sich Maurice auf sein Bett und Boris konnte ihn an diesem Abend nicht mehr überzeugen, über seine Pläne zu reden.
Am nächsten Morgen aßen die beiden schweigend zusammen Frühstück, bevor es an die Arbeit ging. Boris wusste, dass er Maurice jetzt nicht bedrängen durfte, wenn er ihn auf seiner Seite haben wollte. Also wartete er.
Nachdem Maurice aufgegessen hatte, lehnte er sich zurück und sah Boris an.
“In Ordnung, ich möchte, dass du niemandem etwas von der Brücke sagst, Boris. Ich nehme dir nicht ab, dass du Fliegen belauscht hast. Fliegen sind nicht so schlau, die verstehen nicht, was die Menschen dort drüben machen.
Wenn tatsächlich eine Brücke gebaut wird, dann sollten wir uns davon fernhalten. Nähe zu den Menschen heißt nichts Gutes für uns Ameisen. Bitte sprich also nicht mehr darüber.”
Boris saß wie versteinert da. Nach seiner Ansprache verabschiedete sich Maurice und ging zur Arbeit. Boris wollte nicht an die Arbeit denken, aber noch nie ist eine Ameise nicht zur Arbeit gegangen. Also schmollte er noch ein wenig und ging dann auch zur Arbeit.
Den ganzen Tag konnte Boris trotz seiner Arbeit nicht aufhören, an die Brücke zu denken. Niedergeschlagen setzte er sich abends wieder an seine Lieblingsstelle am Ufer und wartete auf Andi.
Als die Spatzendame kurze Zeit später ankam, verbesserte ihr Anblick seine Laune sofort.
Andi hielt sich gar nicht mit einer Begrüßung auf, sondern rief ihm schon beim Landen zu: “Ich habe sie gesehen, Boris! Sie bauen ganz sicher eine Brücke! Was hat denn Maurice gesagt?”
Boris schaute sie traurig an. “Er mochte meine Idee leider nicht.”
“Ach, sei nicht traurig, Boris. Er wird schon zur Vernunft kommen, sobald die Brücke fertig ist. Und wenn nicht, dann kannst du ja einfach alleine nach drüben gehen und so allen anderen Ameisen inklusive Maurice beweisen, dass es auf der anderen Seite toll ist.”
“Ja, mal sehen. Erstmal muss die Brücke ja fertig sein”, antwortete Boris ausweichend.
In den darauffolgenden Tagen hörte Boris häufig laute Geräusche vom großen Strom aus. Es kam ihm vor, als würden die Geräusche näher kommen, aber er wollte sich nicht zu große Hoffnung machen.
Noch ein paar Tage später traf er sich abends wieder mit Andi an ihrer Lieblingsstelle. Als er ankam, badete sie sich schon eine Weile im flachen Wasser. Er schaute ihr eine Weile zu, wagte sich aber nicht in ihre Nähe. Dafür spritzte sie ihm zu viel und er konnte leider nicht schwimmen.
Als sie fertig war, kam sie herausgehüpft und hockte sich neben ihn. Mit noch nassen Federn schüttelte sie sich genüsslich und spritzte Boris trotzdem von oben bis unten nass.
“Iih, Andi!”, rief Boris, “pass doch auf!”
“Entschuldigung”, grinste seine Freundin und sah dabei überhaupt nicht aus, als würde es ihr Leid tun. “Aber ich freue mich eben heute einfach für dich.”
“Achso? Aber worüber freust du dich denn?”
“Ich freue mich, dass die Brücke heute fertig geworden ist! Morgen kannst du also auf die andere Seite schauen und das ganz ohne Fliegen!”
Andi strahlte von einer Seite ihres Schnabels zur anderen.
Sofort sprang Boris auf. “Wirklich? Klasse, das muss ich unbedingt den anderen erzählen. Jetzt nehmen sie meine Pläne sicher endlich ernst. Andi, lass uns morgen früh nochmal darüber reden, dann können wir planen, wie eine so große Expedition gemacht werden kann.”
Andi nickte ihm zu und so verabschiedeten sich beide heute Abend schon früh.
Kaum zu Hause angekommen ging Boris in seinem Zimmer auf und ab und überlegte fieberhaft, was man für die morgige Expedition wohl gebrauchen könnte. So verbrachte er den ganzen Abend, bis Maurice von der Arbeit nach Hause kam.
Dieses Mal konnte Boris nicht warten, bis sie gegessen hatten. Er sprach Maurice sofort aufgeregt an: “Maurice! Die Brücke ist fertig!”
In einem Anflug von Übermut konnte sich Boris nicht bremsen, “ich weiß, du wolltest nicht, dass ich darüber spreche. Aber morgen werde ich den großen Strom überqueren und sehen, was auf der anderen Seite liegt! Du kennst doch so viele Ameisen. Bitte sag es allen, dann finden sich bestimmt noch weitere, die mit uns beiden auf die andere Seite gehen.”
Nach kurzem Schweigen sah Maurice ihn an und sagte nur: “Lass mich bis morgen darüber nachdenken.”
Boris fiel es schwer, in dieser Nacht einzuschlafen. Viel zu sehr beschäftigte ihn die Aufregung vor dem Morgen und seiner großen Reise.
Nach einer kurzen Nacht und wenig Ruhe stand Boris früh auf, nur um festzustellen, dass Maurice schon unterwegs war. Noch während er überlegte, welche Vorräte Maurice wohl besorgte, kam dieser in ihr Zimmer zurück. Er hatte etwas zu essen dabei, aber das würde wohl nur für das Frühstück reichen.
“Da bist du ja, Maurice. Ich dachte mir schon, dass du Vorräte zusammensuchst”, freute sich Boris.
Maurice sah ihn nicht an und sagte: “Boris, ich werde nicht mitkommen, es tut mir Leid. Bitte geh nicht über die Brücke. Das ist viel zu gefährlich und ich möchte nicht, dass du dich in Gefahr begibst.”
Boris blieb erschrocken stehen. Wenn nicht einmal sein Bruder mitkam, wer würde sich denn dann trauen? Wer würde denn sonst so an ihn und seine Pläne glauben, wenn nicht Maurice?
Traurig entgegnete er: “Bitte sag trotzdem allen, was ich vorhabe, in Ordnung?”
“Möchtest du das wirklich, Boris? Was sollen denn die anderen Ameisen über deine Abenteuerlust sagen?”
“Ja, ich möchte das wirklich. Das ist nun mal, wie ich bin und wenn es den anderen nicht gefällt, dann ist das nicht meine Sorge!”, erwiderte Boris trotzig. Und als Maurice noch bei seinem Frühstück saß, verließ Boris das Zimmer und ging nach draußen.
Heute konnte er nicht arbeiten. Es ist zwar noch nie eine Ameise nicht zu Arbeit gegangen, aber wenn Maurice recht hatte, war er wegen seiner Abenteuerlust sowieso schon ein Außenseiter. Also ging er zum Ufer zu seinem Lieblingsplatz und wartete auf Andi.
Kurze Zeit später trag Andi ein. Seine Freundin bemerkte natürlich sofort, dass etwas nicht stimmte.
“Es kommt niemand, oder?”, fragte sie.
“Nein”, antwortete Boris traurig, “nicht einmal Maurice.”
“Aber das macht doch nichts, dann gehst du eben einfach allein nach drüben”,
versuchte Andi ihn aufzumuntern.
“Wie soll das gehen? Ich bin doch nur eine einfache Ameise…” Boris redete sich langsam in Rage. “Ich kenne eine Menge Ameisen, die größer oder stärker oder klüger sind als ich. Ich weiß nicht, ob ich das schaffen kann.”
Andi schaute ihn schief von der Seite an und hörte sogar auf zu hüpfen.
“Boris, es spielt doch gar keine Rolle, ob andere in manchen Dingen mehr schaffen als du. Du bist eben Boris. Eine einzigartige Kombination von deiner Größe und Stärke und Klugheit. Und vor allem bist du mutiger als alle anderen zusammen. Du hast immer so viele gute Ideen und traust dich dann auch noch, sie umzusetzen. Das ist viel schwieriger, als es aussieht. Und wer, wenn nicht die mutigste Ameise überhaupt, würde mit einem Spatzen befreundet sein? Also wenn jemand das schafft, dann auf jeden Fall du!”
“Findest du das wirklich?”, fragte Boris seltsam gerührt. “Und du meinst nicht, dass das zu schwierig für mich wäre?”
“Auf keinen Fall, mein sechsbeiniger Freund. Vielleicht braucht diese Aufgabe ja genau die Menge an Kraft und Klugheit, die du hast.”
So fasste Boris neuen Mut und stand auf. “Also dann breche ich jetzt auf, bevor mein Mut mich wieder verlässt. Dankeschön, Andi, du findest einfach immer die richtigen Worte.”
Boris streichelte Andi am Fuß.
Direkt begann Andi wieder auf und ab zu hüpfen. “Juhu, ich begleite dich in der Luft! Und wenn du nicht weiterkommst, dann brauchst du mich nur zu rufen.”
Also lief Boris los. Erst langsam und zögerlich, dann mit immer mehr Mut und Aufregung.
Er tat es wirklich. Er würde endlich die andere Seite des großen Stroms sehen. Und er würde es den anderen Ameisen zeigen, dass es dort nicht gefährlich war.
Boris näherte sich der Brücke. Er blieb direkt davor stehen und warf einen letzten Blick in den Himmel, um Andi zu entdecken, die natürlich wie versprochen über ihm schwebte. Schließlich ging er den entscheidenden Schritt und betrat die Brücke. Und es passierte… nichts. Ein weiterer Schritt. Und wieder nichts. Die Brücke schien sicher zu sein. Also ging Boris langsam los und kehrte dann zu seinem Tempo von vorher zurück.
Ab und zu erschreckte Boris sich. Vor dem Schatten von Andi oder vor einem Windstoß. Aber nichts konnte ihn aufhalten und nach kurzen Pausen lief er immer weiter.
Die Brücke war also ungefährlich, aber auch ganz schön lang. Ohne dass er es bemerkte, brauchte Boris bis zum Nachmittag um auf der anderen Seite anzukommen. Kaum dass er das andere Ufer betrat, landete Andi auch schon neben ihm.
“Du hast es geschafft, Boris! Ich bin so stolz auf dich!”
“Dankeschön, das ist lieb von dir. Ich bin auch sehr stolz auf mich”, entgegnete Boris. “Dann lass uns Nahrung und einen Ort für einen neuen Bau suchen. Hilfst du mir?”
“Aber natürlich”, freute sich Andi, dass sie ihrem Freund helfen konnte. “Aber was isst du denn gerne?”
“Pilze und Früchte und Blätter zum Beispiel. Wenn ich so darüber nachdenke, essen wir Ameisen eigentlich so ziemlich alles”, überlegte Boris laut.
“In Ordnung, dann drehe ich mal eine Runde und du schaust hier unten, ob du etwas siehst.”
Schon beim Sprechen hob Andi ab.
Eine Weile später landete die Vogeldame wieder neben Boris. Dieser hatte natürlich nicht untätig gewartet, sondern sich auf dem Waldboden umgeschaut.
Andi erzählte ihm, dass sie viele Pilze und Blätter gesehen habe und vielleicht sogar Walderdbeeren, die in der Nähe wuchsen. Boris hatte auch tolle Funde gemacht. Sehr viele Sägespäne lagen hier herum. Aus denen konnte man richtig gut einen Ameisenbau aufschichten. Und er hatte Blätter gefunden, die man essen konnte.
Mit den neuen Funden fing sein kleines Ameisengehirn an zu arbeiten und zu planen. Wo war wohl der beste Ort für den Bau? Es musste nah an der Nahrung sein und genug Sägespäne geben. Aber er wollte auch nicht zu nah an der Brücke bleiben. Die Menschen hatten sie sicher nicht nur zum Spaß gebaut und wollten sie benutzen.
“Du, Boris?”, meinte Andi auf einmal.
“Warte bitte kurz, ich überlege gerade, wo wir als nächstes hingehen sollten.”
“Aber Boris, wir sollten uns verstecken. Ich glaube, es regnet gleich.”
Tatsächlich, als Boris in den Himmel schaute, war die Sonne nicht mehr zu sehen. Stattdessen blickte er in einen dunkelgrauen Wolkenhimmel.
“Das ist ein Problem, Andi. Wie soll ich denn im Regen zurück nach Hause kommen?” Boris bekam langsam Angst. Daran hätte er doch denken müssen. Ob die Brücke wohl sicher war, wenn es regnete?
“Lass uns erst einen Unterstand suchen. Vielleicht hört es ja schnell wieder auf zu regnen”, schlug Andi vor, während die ersten dicken Tropfen vom Himmel fielen.
“Einverstanden. Hast du etwas bei deiner Suche gesehen?”
“Ja, gleich da vorne ist so eine große Wurzel, unter der wir vor dem Regen geschützt sind. Komm, ich zeig sie dir.”
Und schon hüpfte Andi los in Richtung Wald. Boris beeilte sich, ihr zu folgen, und konnte gerade so Schritt halten. Andi hatte recht, die Wurzel war nicht so weit weg. Als sie ankamen, sah Boris, dass darunter ein gut geschütztes Plätzchen war. Also schoben sich die beiden darunter. Gerade noch rechtzeitig, denn kaum waren die beiden unter der Wurzel, begann es in Strömen zu regnen. Aber ihr Versteck hielt die beiden sicher und trocken.
Also warteten sie noch eine Weile.
Es hörte nicht auf zu regnen und langsam wurde es dunkel. Boris machte sich langsam Sorgen, dass er heute gar nicht mehr nach Hause kam. Aber Andi versuchte ihn zu beruhigen. “Mach dir keine Sorgen, Boris. Wir sitzen jetzt hier fest und kommen nicht über die Brücke. Deine Sorgen ändern da auch nichts dran. Versuch Geduld zu haben. Wir können uns ja zusammenkuscheln und schlafen und morgen früh sieht es bestimmt schon viel besser aus.”
Auch wenn es Boris schwer fiel, hatte Andi natürlich recht. So versuchte er sich weniger Sorgen zu machen und zu schlafen.
So verging die Nacht langsam und ohne eine Gefahr für die beiden.
Boris war so froh, seine beste Freundin zu haben. Ohne sie an seiner Seite wäre alles viel schwieriger gewesen.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, ging gerade die Sonne auf. Die Wolken hatten sich verzogen und die einzige Erinnerung an die regnerische Nacht war ein nasser Waldboden.
Boris wartete eine Weile und als schließlich auch Andi aufwachte, machten sich beide wieder auf den Heimweg. Andi flog natürlich und Boris ging zu Fuß zurück über die Brücke.
Auch die zweite Überquerung war kein Problem und Boris erschreckte sich viel seltener als gestern. Was ein Tag in der Wildnis so ausmachte.
Als Boris mittags auf der anderen Seite der Brücke ankam, verabschiedete er sich von seiner Freundin mit den Worten, dass er wohl Maurice suchen sollte, der sich bestimmt Sorgen um ihn gemacht hatte. Sie verabredeten sich natürlich für abends an ihrem Lieblingsplatz.
Kurz bevor Boris bei seinem Bau ankam, kamen ihm zwei Soldatenameisen entgegen, die direkt auf ihn zuhielten.
“Bist du Boris?”, fragte die eine der beiden kurz angebunden.
“Ja”, antwortete dieser erschrocken.
“Komm mit.”
Während Boris den beiden folgte, warf ihm die andere Soldatenameise immer wieder Blicke zu, als würden ihr viele Fragen auf den Beißzangen liegen. Schließlich sprach sie ihn an: “Was hast du denn angestellt, Boris? Die Königin will dich sehen und eine Arbeiterameise wird nie zur Königin gerufen.” Sie musterte Boris mit einem interessierten Blick.
Der wiederum hatte darauf keine Antwort und wurde nur noch aufgeregter. Ja, was hatte er wohl angestellt. Eigentlich nichts, außer dass er mit seiner besten Freundin, einem Spatzen, ohne Zustimmung der Königin und alleine die Brücke überquert hatte. Davon war nur ungefähr alles wahrscheinlich verboten…
Sofort wurde Boris mulmig und er bekam große Angst vor der Begegnung mit der Königin.
Einen kurzen Fußmarsch später, den Boris tief in seiner Sorge abwartete, trafen die drei in der großen Halle des Baus ein.
Dort saß sie.
Boris hatte die Königin zwar noch nie gesehen, aber es war nicht zu übersehen, wer hier das Sagen hatte. Sie war viel größer als alle anderen Ameisen und schaute gar nicht so böse, wie Boris angesichts seiner letzten Taten erwartet hatte.
“Komm näher, Boris”, sprach ihn schon die Königin an und winkte.
“Du weißt, warum du hier bist, oder?”
Bevor Boris antworten konnte, sah er links von sich durch eine kleine Tür Maurice eintreten, der ihn nicht aus den Augen ließ.
“Dein Bruder hier hat allen erzählt, dass du über die Brücke möchtest. Stimmt das?”, fragte ihn die Königin.
Boris nickte.
“Und du möchtest dort nach Nahrung suchen und unseren Bau vergrößern. Stimmt das auch?”
Boris nickte erneut.
Die Königin wandte sich zu ihren Beratern. “Wie kommt es, dass niemand von euch darauf gekommen ist? Ich halte das für eine sehr gute Idee. Hier geht uns langsam der Platz aus und wir können immer mehr Nahrung gebrauchen.”
Wieder zu Boris fuhr sie fort, “denkst du, du könntest die Brücke mit einer Expedition überqueren, Boris? Traust du dir das zu?”
Als er die Worte der Königin hörte, musste Boris anfangen zu grinsen. “Ja, das traue ich mir zu. Ich habe es sogar schon gemacht”, sagte er stolz.
Mit neuem Interesse betrachtete die Königin ihn genauer.
“So so und ist der Weg sicher? Wie sieht es drüben aus? Moment, du musst es mir gar nicht erzählen. Such dir ein paar fähige Ameisen aus und überquere die Brücke morgen noch einmal. Nimm dir mit, was du brauchst.”
Boris überlegte kurz und sagte dann, “meine Königin, auf der anderen Seite gibt es viele Sägespäne und viel Nahrung. Wir könnten dort einen weiteren kleinen Bau aufschichten.”
“Wenn du das sagst, Boris, dann möchte ich dich zu meinem offiziellen Botschafter ernennen. Du hast nun den offiziellen Auftrag deiner Königin, einen Weg vorzubereiten und einen Bau zu planen. Aber bedenke bitte, dass dieses Vorhaben nur gelingen kann, wenn der Weg über die Brücke jederzeit sicher ist.”
Und so wurde Boris zum Botschafter seines Volks. Nachdem er einige Aufgaben verteilt hatte und die Pläne für den nächsten Tag feststanden, bemerkte er, dass es schon fast Abend geworden war. Er hatte fast sein Treffen mit Andi vergessen. Sie wartete bestimmt schon auf ihn. Also ließ Boris alles stehen und liegen und eilte zu ihrem Treffpunkt am Ufer des großen Stroms, der ihm jetzt gar nicht mehr so groß vorkam.
Dort badete Andi gerade im flachen Wasser.
“Gut, ich dachte schon, du kommst nicht mehr”, rief sie ihm zur Begrüßung zu.
“Ich muss dir etwas erzählen, Andi.”
Und so schilderte Boris seiner Freundin von seinen Erlebnissen dieses Tages.
Sehr beeindruckt fasste Andi alles zusammen: “Du bist jetzt also Botschafter?”
Als Boris nickte, stupste sie ihn an und erwiderte, “so ein Botschafter, fliegt der denn auch mit mir einmal?”
Boris fing an zu lachen. Damit hatte er nicht gerechnet.
Als Andi in sein Lachen einsetzte, sagte er: “Weißt du was? Ich denke, so ein Botschafter, der probiert das Fliegen vielleicht einmal trotz seiner Höhenangst aus.”