Die Felssauna

Bork wanderte heute Abend wieder in den Bergen und Tälern seiner Heimat. Er war ein Steintroll und noch dazu ein ziemlich junger Steintroll. Gerade erst letztens hatte er seinen 187zigsten Geburtstag gefeiert. Deswegen wanderte er auch hin und her.

Seine Eltern hatten Bork schon vor vielen Jahren erklärt, dass er sich nicht zu weit in die Täler vorwagen sollte. Sie meinten, dass es für Steintrolle oben in den felsigen Gipfel des Gebirges sicherer und vor allem natürlicher wäre. Aber dort oben war es doch so schrecklich langweilig, fand Bork. Also lief er trotzdem in die Täler und beobachtete die Welt dort unten.

Schnell merkte er, dass es dort gar nicht so gefährlich war, wie die älteren Trolle immer behaupteten. Er sah allerlei interessante Dinge und Lebewesen, wenn er auf Wanderung war.

Auch heute ging es ihm so. Während er durch den Wald spazierte, natürlich angemessen langsam, wie es sich für einen Steintroll gehörte, drangen durch die Bäume Stimmen zu ihm vor. Langsam näherte er sich den Stimmen und schaute zwischen den Baumstämmen auf eine kleine Lichtung im Wald.

Dort standen aber nur noch mehr Bäume. Gerade als sich Bork fragte, woher die Stimmen wohl kommen könnten, begannen genau diese Bäume wieder zu sprechen.

„Es ist so schrecklich kalt diesen Winter“, jammerte ein Baum lauthals vor sich hin. Die umstehenden Bäume wiegten sich zustimmend im Wind.

„Da wird man ja ganz steif vor der Kälte!“

Der jammernde Baum schüttelte den Kopf und ergänzte, „Vorbei sind meine beweglichen Tage, an denen ich wie eine junge Weide meine Zweige in den Fluss halten konnte, ohne direkt Rückenschmerzen zu bekommen…“

Das verstand Bork nicht so gut. Was waren Rückenschmerzen? Vielleicht bekamen das nur alte Bäume und keine jungen Steintrolle? Er hörte weiter zu.

„Ja, du hast völlig Recht, mein Guter.“, antwortete ein weiterer Baum, „wir Ents haben es wirklich schwer in solchen kalten Zeiten. Wie schön wäre es, wenn wir einfach eine Weile im Warmen sitzen könnten?“

Das wiederrum konnte Bork sehr gut nachvollziehen. Er liebte die Wärme auch. Er kannte sogar eine Höhle oben in den Bergen, wo es immer warm war. Dort gab es warme Steine und sprudelndes, warmes Wasser. Dorthin ging er immer, wenn es ihm zu kalt war.

Während Bork nachdachte, bemerkte er nicht, dass die Ents aufgehört hatten zu reden. Als es ihm auffiel und er wieder zwischen den Bäumen hindurchschaute, waren die Ents schon gegangen.

Also kehrte Bork nach Hause in die Felsgipfel zurück und legte sich in sein Steinbett zum Schlafen.


Als er am nächsten Tag aufwachte, hatte er einen Entschluss gefasst. Er wollte den alten Bäumen helfen. So machte man das doch als junger Steintroll, oder? Man half den Älteren, die sich nicht mehr so gut selbst helfen konnten.

Also ging Bork zu seiner Lieblingshöhle.

Sie war ein bisschen versteckt und der Eingang war halb verschüttet. Er war klein und passte zwischen den Steinen und dem Schutt hindurch. Aber er bezweifelte, dass die alten Ents dazwischen durchkriechen konnten.

Bork beschloss also, dass er als erstes den Eingang frei räumen sollte.

Gesagt, getan. Ein paar Stunden voller Steineschleppen und Steinerollen später war der Eingang zur Höhle nun deutlich sichtbar. So passten auch große Ents sicher hindurch, wenn sie ihre Köpfe (oder Baumkronen?) ein wenig einzogen.

Als nächstes ging Bork nach drinnen und schaute sich um. Ja hier konnte man ein paar flache, große Steine aufschichten, damit man sich gut setzen konnte. In der Mitte sprudelte heißes Wasser aus dem Boden und bildete einen kleinen Teich. Dort saß er am liebsten drin, denn der Teich war am Rand ganz flach.

Er wählte einige schöne Steinblöcke aus und formte aus ihnen mit seinen Steintrollhänden Sitzplätze und Bänke. Schließlich legte er noch ein paar Steine ins Wasser, damit sich die Ents auch dorthin setzen konnten.

Gegen Abend und nach einer Arbeit in der Höhle trat Bork ein wenig zurück und betrachtete sein Tageswerk. Er war sehr zufrieden. Und er war sehr gespannt, wie die älteren Ents die Höhle wohl finden würden.

Also ging er wieder in Richtung Tal und nahm sich fest vor, den Ents den Weg nach oben zur Wärme zu zeigen.


Am späten Abend, ungefähr zur selben Zeit wie gestern, kam Bork wieder an dem Wäldchen an. Wie schon am Vortag konnte er Stimmen aus dem Wald hören und ging zielsicher auf diese zu.

Er spähte durch die Baumstämme auf die Lichtung und sah dort die gleichen Ents wie gestern schon stehen und sich unterhalten.

Dieses Mal wartete er nicht außerhalb der Lichtung, sonder trat direkt zwischen den Baumstämmen hervor.

Sofort verstummten die Ents und sahen ihn erschrocken an. Sie hatten wohl noch nie einen Steintroll gesehen, dachte sich Bork.

„Ich Bork.“, sprach er sie an. „Warme Höhle. Ich zeige Weg.“

Und ohne zu warten, drehte er sich um und ging langsam und gemächlich voran. Er war echt stolz auf sich. Er hatte sich getraut und die Ents angesprochen. So viel hatte er schon lange nicht mehr geredet. Steintrolle waren eher stille Gesprächspartner.

Er konnte hören, dass ihm Ents folgten. Erst zögerlich, dann kamen sie näher. Nach einer Weile hörte er sie sogar über die warme Höhle reden und mutmaßen, wo er sie wohl hinführte.

Eine kurze Wanderung später kam die kleine Gruppe beim Eingang der Höhle an.

Bork drehte sich zu den Ents um und sagte: „Hier Höhle. Warm drinnen.“

Dann ging er in die Höhle. Die Ents folgten ihm und er hörte ihre wohligen Geräusche, als sie die Wärme auf der Rinde spürten.

Während sich die Ents schnell auf den Bänken und sogar im Wasser verteilten, kam der ältere Ent, der am Vortag am meisten gesprochen hat, auf Bork zu und verbeugte sich schwerfällig.

„Danke, Bork, dass du uns diese Höhle gezeigt hast. Jetzt können wir uns wieder jung und biegsam fühlen. Ich freue mich, dich kennenzulernen.“


Und so trafen sich ab jetzt regelmäßig ein junger Steintroll und eine Gruppe ältere und später auch junge Ents in der Wärme einer Felssauna.


Hat dir die Gute-Nacht-Geschichte über Bork den Steintroll gefallen?

Manchmal sind die kleinen und entspannenden Momente die besten.

Hast du Vorschläge für weitere Geschichten? Ich würde mich über deinen Kommentar freuen 🙂

Liebe Grüße
Matthias

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